{"id":9490,"date":"2021-08-28T19:55:42","date_gmt":"2021-08-28T17:55:42","guid":{"rendered":"https:\/\/boklima.de\/?p=9490"},"modified":"2021-08-28T19:55:43","modified_gmt":"2021-08-28T17:55:43","slug":"konferenz-zur-zukunft-der-staedtebaustopp-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/work.boklima.de\/?p=9490","title":{"rendered":"Konferenz zur Zukunft der St\u00e4dte:Baustopp, bitte"},"content":{"rendered":"\n<p>(05.08.21, S\u00fcddeutsche) , Original : <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/konferenz-zur-zukunft-der-staedte-baustopp-bitte-1.5382925\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Ideologie des Wachstums ist es vorbei. Wer Wohnraum will, soll k\u00fcnftig bestehende Fl\u00e4chen nutzen. Wie beispielsweise die San Gimignano-T\u00fcrme in Berlin, in denen die Konferenz &#8220;Berlin questions&#8221; gastierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konferenz &#8220;Berlin questions&#8221; fragt nach der Zukunft der St\u00e4dte, viele Antworten laufen auf eine scharfe Kehrtwende hinaus. Von <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/autoren\/till-briegleb-1.1408366\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Till Briegleb<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Es war offensichtlich nicht der Vorschlag, den Michael M\u00fcller gerne h\u00f6ren wollte. Nachdem die Harvard-Professorin Charlotte Malterre-Barthes mit ihrer Darlegung geendet hatte, warum wir ein sofortiges Bau-Moratorium f\u00fcr die Umwelt brauchen, verlie\u00df der B\u00fcrgermeister von Berlin die von ihm einberufene Konferenz zu Stadtperspektiven nach Corona fluchtartig. Das wirkte, als wolle er auf der hochkar\u00e4tig besetzten Veranstaltung mit dem Titel &#8220;Berlin questions&#8221; blo\u00df keine unangenehmen Fragen gestellt bekommen zu den Widerspr\u00fcchen konkreter Planungspolitik. Zum Beispiel, warum die Stadtregierung von Berlin nie ehrlich dar\u00fcber spricht, was Tausende Neubauvorhaben pro Jahr f\u00fcr das Klima bedeuten. Wenn man wei\u00df, dass die Herstellung einer Tonne Beton die CO\u2082-Menge von 200&nbsp;000 Luftballons freisetzt und f\u00fcr das Humboldt-Forum allein 200&nbsp;000 Tonnen Zement verbaut wurden, stellt nur diese Luftballonzahl mit zehn Nullen die Frage, was am Bauen &#8220;gesund&#8221; sein&nbsp;kann.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die vielen Neugierigen, die bei der Auftaktveranstaltung der viert\u00e4gigen Konferenz im E-Werk an der Wilhelmstra\u00dfe sitzen blieben, wurde es aber ein au\u00dfergew\u00f6hnlich produktiver Tag der seri\u00f6sen Einspr\u00fcche, und zwar gegen eine Stadtpolitik, die Konsequenzen ihrer Versprechungen konsequent verschleiert. Obwohl M\u00fcller in seiner Er\u00f6ffnungsrede voller Stolz und Optimismus die &#8220;Architekten, Wissenschaftler und B\u00fcrgermeister aus aller Welt&#8221; in der Erwartung begr\u00fc\u00dfte, sie m\u00f6gen inspirierende Ideen f\u00fcr die Probleme der wachsenden Metropole Berlin liefern, hatte dieses Expertentreffen vor allem Ideen zu bieten, die die Pr\u00e4missen heutiger Stadtentwicklung grunds\u00e4tzlich infrage&nbsp;stellen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Verknappung am Wohnungsmarkt sei vor allem dadurch begr\u00fcndet, dass nicht konsequent saniert und umgenutzt werde<\/h3>\n\n\n\n<p>So r\u00e4umte Malterre-Barthes gleich nach M\u00fcllers eiligem Abgang mit dem Mantra auf, es g\u00e4be nicht gen\u00fcgend bezahlbaren Wohnraum. Zahlen aus den meisten Gro\u00dfst\u00e4dten der Welt w\u00fcrden belegen, dass die vermeintliche Verknappung am Wohnungsmarkt vor allem dadurch begr\u00fcndet ist, dass nicht konsequent saniert und umgenutzt&nbsp;wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abriss von angeblich maroden Wohngeb\u00e4uden und leer stehenden B\u00fcroh\u00e4usern, um neue hochpreisige Immobilien zu errichten, vernichte jedes Jahr im gro\u00dfen Ma\u00dfstab die Option, Fl\u00e4chen f\u00fcr kosteng\u00fcnstiges Wohnen und Arbeiten zu nutzen. &#8220;Es sind Mechanismen des Finanzmarktes und das Dogma des Wachstums, die st\u00e4ndig Abriss und Neubau fordern&#8221;, sagte&nbsp;Malterre-Barthes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Expertin f\u00fcr Kreislaufwirtschaft, Sabine Oberhuber, vertiefte diese Kritik an den \u00f6konomischen Grunds\u00e4tzen heutiger Stadtentwicklung mit dem ber\u00fchmten Zitat des kritischen Wirtschaftstheoretikers Kenneth Boulding, &#8220;Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann andauernd weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder verr\u00fcckt oder ein \u00d6konom.&#8221; Oder Politiker m\u00fcsste man hinzuf\u00fcgen. Warum begreifen unsere Volksvertreter, die seit Monaten die Angst vor exponentiellem Wachstum bei Covid-Ansteckungen sch\u00fcren, nicht, dass exponentielles Wirtschaftswachstum nach der gleichen mathematischen Dynamik in die Katastrophe f\u00fchrt, fragte Oberhuber unter gro\u00dfem Applaus. Und zeigte anschlie\u00dfend die notwendige Alternative&nbsp;auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der ausgemusterte FlughafensBerlin-Tegel war Spielort f\u00fcr Diskussionen und Vortr\u00e4ge der Konferenz.<small> <\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Anstatt das wahre Problem j\u00e4hrlichen Wirtschaftswachstums weiterhin als L\u00f6sung darzustellen, wie es fast alle Parteien bis hin zu den Gr\u00fcnen tun, m\u00fcsse das existierende Wirtschaftssystem grunds\u00e4tzlich in eine Kreislaufwirtschaft mit entgegengesetzten Pr\u00e4missen umgebaut werden: Kein weiterer Abbau von Ressourcen, die nach einmaliger Verwendung als M\u00fcll in Luft, Wasser und auf Halden landen. Stattdessen Zwang zum wiederkehrenden Recycling aller Stoffe, damit sie auf sehr lange Zeit im Wirtschaftskreislauf verbleiben. Wohlstand l\u00e4sst sich damit erhalten, Wachstum und Konsum als Lebenshaltung aber sicher&nbsp;nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schmerzhafte Korrekturen ausnahmsweise anders als gewohnt verteilt werden, n\u00e4mlich vor allem bei den bisherigen Gewinnern des Systems stattfinden k\u00f6nnten, das war das Dauerthema der Beitr\u00e4ge dieser Konferenz. Die K\u00fcnstlerin Hito Steyerl propagierte die alte Idee der &#8220;Commons&#8221;, also der gemeinschaftlichen G\u00fcter, als Alternative zur Profitwirtschaft. Wohnraum wie digitale Daten, Bodenrechte wie Mobilit\u00e4tsangebote, Wasser- wie Energieversorgung m\u00fcssten demnach aus dem Besitz von Konzernen zur\u00fcck in die Verantwortung der Gemeinschaft gef\u00fchrt werden. Das ist zwar eine extrem verhasste Idee bei Vertretern des Glaubens, dass der Markt alles schon richten wird. Aber das offensichtliche Versagen dieser Behauptung im globalen Ma\u00dfstab f\u00fchrt dazu, dass immer mehr Menschen am eigenen Leib sp\u00fcren, wie Marktabsolutismus sie zu Opfern einer gierigen Dynamik macht, nicht zu Teilhabern des&nbsp;Wohlstands.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einspr\u00fcche gegen ein System, das in seinen strukturellen Entscheidungen genauso weitermacht wie vor Corona<\/h3>\n\n\n\n<p>Elementare Einspr\u00fcche gegen ein System, das in seinen strukturellen Entscheidungen genauso weitermacht wie vor Corona, waren unter den Dutzenden Sprechern der &#8220;Berliner Fragen&#8221; dann auch Mehrheitsansatz. Parolen wie &#8220;Jeder Milliard\u00e4r ist ein Versagen der Politik&#8221;, pr\u00e4sentiert von der Gr\u00fcnderin des Stra\u00dfenmagazins <em>Arts of the Working Class,<\/em> Mar\u00eda In\u00e9s Plaza Lazo, reihten sich neben Analysen der New Yorker Stararchitektin Elizabeth Diller, wie das ber\u00fchmte Gemeinschaftsprojekt eines Volksgartens auf Bahngleisen, der High Line Park, zu einem entfesselten Immobilienboom und radikaler Gentrifizierung im s\u00fcdlichen Manhattan gef\u00fchrt hat. Und es mangelte nicht an energischen Appellen an die Politik, die Chance zur Selbstkritik zu nutzen. Die Architektin und Autorin Lesley Lokko forderte die Michael M\u00fcllers der Welt auf: Macht euch bereit, in den Keller zu gehen, um eure Fundamente&nbsp;anzusehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Es war auff\u00e4llig, wie vor allem die vielen Sprecherinnen der Konferenz plausible Argumente f\u00fcr eine echte Kehrtwendung in der Stadtpolitik vorbrachten, wogegen die M\u00e4nner mit &#8220;realistischeren&#8221; Vorschl\u00e4gen den Erhalt der bestehenden Ordnung profitorientierten Wirtschaftens pr\u00e4ferierten. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Immobilienkonzerns Grand City Properties, Christian Windfuhr, warb f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten der Branche, heruntergekommene Wohnanlagen zur Zufriedenheit der Bewohner zu sanieren und trotzdem viel Geld damit zu verdienen. Oder Chris Lehane, ehemaliger Berater von Bill Clinton und des gerade wegen sexueller \u00dcbergriffe zur\u00fcckgetreten Gouverneurs von New York, Andrew Cuomo, heute Kontaktmann von Airbnb f\u00fcr Kommunen und Politiker, pries die gro\u00dfen Segnungen seiner globalen Zimmervermietung f\u00fcr die lokalen \u00d6konomien in den&nbsp;St\u00e4dten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht braucht es tats\u00e4chlich viele unterschiedliche Ans\u00e4tze, wie konkurrierende Interessen mit dem gemeinsamen Ziel \u00f6kologischer und sozialer Umgestaltung zusammenwirken k\u00f6nnen, um den &#8220;Planet in Lebensgefahr&#8221;, wie die UN es gerade benannt hat, von der Intensivstation zu bekommen. Allerdings &#8211; und das war die gro\u00dfe inhaltliche Einsicht dieser Konferenz &#8211; wird das nur gelingen, wenn alle Akteure sich der Transparenz verpflichten und wissenschaftliche Einsichten akzeptieren, selbst dann, wenn sie ihren eigenen Zielen widersprechen. Nur so ist eine unideologische Diskussion dar\u00fcber m\u00f6glich, welche radikalen Entscheidungen zum Wohl der Stadt- und Weltgemeinschaft unabdingbar sind. Vielleicht kann dann die Folgekonferenz auch einmal &#8220;Berlin answers&#8221; hei\u00dfen. H\u00f6chste Eisenbahn w\u00e4re&nbsp;es.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(05.08.21, S\u00fcddeutsche) , Original : hier Mit der Ideologie des Wachstums ist es vorbei. Wer Wohnraum will, soll k\u00fcnftig bestehende Fl\u00e4chen nutzen. Wie beispielsweise die San Gimignano-T\u00fcrme in Berlin, in denen die Konferenz &#8220;Berlin questions&#8221; gastierte. Die Konferenz &#8220;Berlin questions&#8221; fragt nach der Zukunft der St\u00e4dte, viele Antworten laufen auf eine scharfe Kehrtwende hinaus. 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