{"id":9487,"date":"2021-08-28T19:48:57","date_gmt":"2021-08-28T17:48:57","guid":{"rendered":"https:\/\/boklima.de\/?p=9487"},"modified":"2021-08-28T19:50:15","modified_gmt":"2021-08-28T17:50:15","slug":"bauen-im-klimawandel-das-versaeumnis-raecht-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/work.boklima.de\/?p=9487","title":{"rendered":"Bauen im Klimawandel: &#8220;Das Vers\u00e4umnis r\u00e4cht sich&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p>(08.08.21, S\u00fcddeutsche) , Original: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/klimawandel-bauministerium-flutkatastrophe-messari-becker-1.5376548!amp?__twitter_impression=true\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Lamia Messari-Becker ist Bauingenieurin und Professorin f\u00fcr Geb\u00e4udetechnologie und Bauphysik an der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker fordert ein deutsches Bauministerium. Auch weil das Leben retten k\u00f6nne. Ein Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>Interview von <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/autoren\/gerhard-matzig-1.1143048\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gerhard Matzig<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Flutkatastrophe in Westdeutschland wurde Lamia Messari-Becker zu einem bekannten Gesicht der Medienlandschaft. In Sondersendungen und Talkshows war ihre Expertise zum Bauen der Zukunft, das sich dem Klimawandel anpassen muss, fast t\u00e4glich gefragt. Die Bauingenieurin und Professorin f\u00fcr Geb\u00e4udetechnologie und Bauphysik an der Universit\u00e4t Siegen, geboren 1973 in Larache, Marokko, pl\u00e4diert allerdings schon lange nicht nur f\u00fcr ein nachhaltigeres und gr\u00fcneres Bauen, sondern vor allem auch f\u00fcr eine grunds\u00e4tzlich andere\u00a0Baupolitik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SZ: Sie fordern ein neues Bauministerium im Bund. Warum?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lamia Messari-Becker: Die geplante und gebaute Umwelt ist der Lebensraum von 83 Millionen Menschen in diesem Land. Nichts vereint uns mehr als die Gemeinsamkeit von Wohn-, Arbeits- und Lebensr\u00e4umen im Zentrum unseres Alltags. Dennoch werden Bauen, Wohnen, Stadt- und Raumentwicklung noch immer nicht als ganzheitliche politische Gestaltungs- und Handlungsfelder gesehen. Obwohl die Herausforderungen immer gr\u00f6\u00dfer werden: Energieeffizienz, Klimaanpassung, Klimaschutz, Bezahlbarkeit, Altersgerechtigkeit, Digitalisierung, Mobilit\u00e4t, Wandel der Arbeitswelt, Kluft zwischen Stadt und Land &#8211; um mal die gr\u00f6\u00dften Themen zu nennen. Diese Aufgabe nicht zentral zu planen und zu steuern, diese Themen nicht ganzheitlich, sondern als Teilaspekte zu sehen, das ist fatal. Schon jetzt sehen wir: Das Vers\u00e4umnis r\u00e4cht sich auf vielen&nbsp;Ebenen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist das j\u00fcngste Hochwasser in Westdeutschland, durch das <\/strong><a href=\"https:\/\/bit.ly\/3AgGGUH\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong>die Bedingungen und Folgen des Bauens wieder \u00f6ffentlichkeitswirksam diskutiert werden<\/strong><\/a><strong>, ein Beispiel f\u00fcr das Vers\u00e4umnis?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Hochwasserkatastrophe macht uns auf tragische Weise klar: Klimaanpassung, resiliente Infrastrukturen, Fl\u00e4chen- und Wassermanagement, vorbereitete Kommunen und Bewohner &#8211; all das kann Leben und Existenzen retten. Wir verfehlen aber fast alle baubezogenen politischen Ziele. Teils, weil sie fern jeglicher Lebensrealit\u00e4t der Menschen und Praxistauglichkeit definiert werden, oder weil sie schlicht nicht durch die richtigen Begleitma\u00dfnahmen flankiert oder auch nicht vernetzt genug gedacht werden. Unser Bau- und F\u00f6rderrecht behindert teils durch sachfremde Regelungen das Erreichen vieler Nachhaltigkeitsziele. Selbst Umweltschutzvorgaben sorgen am Ende f\u00fcr weniger Umweltschutz und stehen ungewollt einem gesellschaftlichen Mehrwert entgegen. Einige Fehlentwicklungen haben mit unkoordinierten Zust\u00e4ndigkeiten zu tun. Ein prominentes Beispiel ist der Fl\u00e4chenverbrauch. Fl\u00e4chennutzungen liegen in der kommunalen Verantwortung, w\u00e4hrend die Ziele der Fl\u00e4chenverbrauchsreduktion Bundessache sind. Ich bin eine Verfechterin der kommunalen Selbstverwaltung, aber sie muss mit anderen Zust\u00e4ndigkeiten koordiniert werden, siehe Katastrophenschutz. Es liegen gigantische Aufgaben vor uns und es ist h\u00f6chste Zeit, Nachhaltigkeitspotenziale der gebauten Umwelt zu erkennen, zu heben und sie mit der Lebensrealit\u00e4t der Menschen&nbsp;zusammenzubringen.Bild in neuer Seite \u00f6ffnen<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Flutkatastrophe hat gewaltige Sch\u00e4den hinterlassen, wie der Blick aus den Weinbergen hinunter auf das Ahrtal bei Dernau-Rech in Rheinland-Pfalz zeigt.<small>(Foto: imago images)<\/small><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wof\u00fcr genau w\u00e4re ein Bundesbauministerium zust\u00e4ndig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um origin\u00e4re Aufgaben des Bundes. Dazu z\u00e4hlen: Wohnen, Stadtentwicklung, \u00f6kologisches Bauen, die Entwicklung des l\u00e4ndlichen Raums und Infrastruktur. Ein solches Ministerium muss die Ressourcen und Kapazit\u00e4ten haben, um diesen Aufgaben gerecht zu werden, es muss bei vielen Querschnittsaufgaben und Nachhaltigkeitsfragen Geh\u00f6r finden sowie wichtige Erneuerungsprozesse begleiten, und zwar sozialgerecht und nah an den&nbsp;Menschen.ANZEIGE<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie war das eigentlich fr\u00fcher geregelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein eigenst\u00e4ndiges Bauministerium hatten wir in Deutschland von 1949 bis 1998. Lange standen zu Recht Wiederaufbau und sozialer Wohnungsbau im Mittelpunkt. Ab 1998 wurde das Bauen unterschiedlichen Ressorts zugewiesen, bis 2013 war es beim Verkehr angesiedelt, bis 2018 bei Umwelt- und Naturschutz&nbsp;&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8230; und aktuell ist es im Innenministerium organisiert, das man schnell noch als &#8220;Heimat&#8221;-Ministerium umetikettiert hat &#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls f\u00fchrt das Bauen seit mehr als 22 Jahren ein Nomadenleben &#8211; die Folgen davon erleben wir jeden Tag in unseren St\u00e4dten und D\u00f6rfern, wenig wurde vernetzt und gemeinsam gedacht, viel St\u00fcckwerk reiht sich aneinander. Das wird den Herausforderungen kaum gerecht. Es m\u00fcssen eher Kompetenzen geb\u00fcndelt und aufgebaut werden. Lebensraumplanung ist zu wichtig, um das als Marginalie alle vier Jahre herumzureichen. Das darf nicht wieder&nbsp;passieren.ANZEIGE<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Um welche Handlungsfelder geht es konkret? Und was sind dort die Fehlentwicklungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beispiel Umwelt: Bauen steht f\u00fcr einen Drittel des CO\u2082-Aussto\u00dfes und Energieverbrauchs, au\u00dferdem f\u00fcr mehr als die H\u00e4lfte des Ressourcenverbrauchs und Abfalls. Wir f\u00f6rdern einerseits die Energieeffizienz im Geb\u00e4udebetrieb, ignorieren aber andererseits die sogenannte graue Energie der eingebauten Materialien im Lebenszyklus. So verschieben wir nur den Ressourcenverbrauch und die Umweltsch\u00e4den: vom Betrieb in die Herstellung der Geb\u00e4ude. Wir m\u00fcssen das Ganze sehen. Mehr ressourcenbewusstes, kreislauff\u00e4higes Bauen w\u00e4re n\u00f6tig. Viele Ziele und Regeln sind nicht zu Ende&nbsp;gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir f\u00f6rdern selbstverst\u00e4ndlich Geb\u00e4uded\u00e4mmung f\u00fcr Heizw\u00e4rmeeinsparung im Winter, die auch gegen Hitzeeintrag im Sommer wirkt, aber kein Gr\u00fcn an der Fassade f\u00fcr besseres Stadtklima und K\u00fchlenergieeinsparung im Sommer. Wir fantasieren \u00fcber Sanierungsraten von vier Prozent, freilich mit der D\u00e4mmung, wissen aber genau, dass die Kosten f\u00fcr gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung nicht tragbar und kaum Baukapazit\u00e4ten vorhanden&nbsp;sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>G\u00e4be es andere Wege?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich trete seit Jahren f\u00fcr Quartiersans\u00e4tze ein und brachte dies zuletzt auch beim Sachverst\u00e4ndigenrat der Bundesregierung f\u00fcr Umweltfragen ein &#8211; \u00fcbrigens gegen gro\u00dfe Widerst\u00e4nde. Worum geht es? Anstatt sich auf Einzelgeb\u00e4ude zu konzentrieren, bieten Quartiere ein gr\u00f6\u00dferes Handlungsfeld an, auf dem man gemeinsame Projekte insgesamt \u00f6kologischer, \u00f6konomischer und auch sozialer realisieren kann. So lassen sich auf der Quartiersebene serielle Sanierungen durchf\u00fchren, erneuerbare Energien gewinnen, Mobilit\u00e4tsangebote geb\u00fcndelt nutzen und vieles mehr. Und Quartiere haben eine soziale Kraft. All das muss mit einem Instrumentenmix begleitet werden: gesetzlich, finanziell und organisatorisch. Quartiere k\u00f6nnen Keimzellen positiven Wandels hin zu mehr Nachhaltigkeit und sozialer Vertr\u00e4glichkeit sein. Das sollten wir nutzen. Wir sind zu sehr auf Einzelgeb\u00e4ude fokussiert und sehen vor lauter Geb\u00e4ude nicht mehr das gro\u00dfe Ganze: Quartiere als Lebensraum und&nbsp;Ressource.ANZEIGE<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat Energieeffizienz mit sozialem Frieden zu tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00d6kologisches Wohnen in St\u00e4dten ist jetzt schon kaum bezahlbar. Wie oft erlebe ich Menschen, die sanieren wollen, aber nicht das Geld aufbringen k\u00f6nnen, weil der Gesetzgeber eher &#8220;Alles oder nichts&#8221;-Ma\u00dfnahmen kennt und schon gar nicht ein anderes Tempo, n\u00e4mlich das der betroffenen Menschen. Bei rund der H\u00e4lfte der Wohnungen haben die Mieter, die ja nicht Eigent\u00fcmer sind, Sanierungen gar nicht in der Hand. Wir haben ganze Quartiere, wo sozialbenachteiligte Menschen mit hohen Energiekosten leben. Ohne entsprechende Ma\u00dfnahmen laufen wir weiter in eine Energiearmut. Das \u00f6kologische Bauen und Wohnen wird so zum Eliteprojekt &#8211; nichts w\u00e4re fataler. Ein Blick auf die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich zeigt doch, was passiert, wenn wir das Energie- und Klimathema an den Menschen vorbei planen. Wandel gelingt nur&nbsp;gemeinsam.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das gilt zunehmend auch auf dem Land, wo das Einfamilienhaus eher anzutreffen ist als der fl\u00e4chensparende Geschosswohnungsbau.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen den Fl\u00e4chenverbrauch von derzeit rund 56 Hektar pro Tag auf fast die H\u00e4lfte reduzieren und sind hoffnungslos davon entfernt, auch nur in die N\u00e4he dieser Zielmarke zu kommen. Viele neigen in dieser Situation dazu, Menschen mit Einfamilienh\u00e4usern ein schlechtes Gewissen zu machen, anstatt ein kluges Fl\u00e4chenmanagement im Baurecht oder fl\u00e4cheneffiziente Grundrisse zu etablieren, um nur zwei Instrumente nennen. Die Bebauungspl\u00e4ne, die sich oft anschicken, sogar die Dachziegelfarbe und Dachneigungen vorzuschreiben, erlauben oft auf innerst\u00e4dtischen gro\u00dfen Grundst\u00fccken nur zwei Wohnungen, w\u00e4hrend Kommunen finanziell kaum in der Lage sind, brachliegende Fl\u00e4chen zu sanieren. Wer beim Fl\u00e4chenverbrauch die Schuld bei den Menschen auf dem Land sucht, ignoriert die wahren Gr\u00fcnde. Wir tun uns schwer, St\u00e4dte angemessen und klimavertr\u00e4glich zu verdichten oder wachsen zu lassen. Oft werden hochenergieeffiziente Geb\u00e4ude auf der gr\u00fcnen Wiese gebaut. Aber ohne nahe Versorgung und \u00d6PNV setzen sich viele Menschen in Autos und fahren zum Arbeiten und Einkaufen in die Stadt. Somit verschieben wir erneut Ressourcenverbrauch und Umweltsch\u00e4den: Dieses Mal vom Geb\u00e4ude auf die Stra\u00dfe. Die Ansammlung nachhaltig geplanter und gebauter Geb\u00e4ude macht noch kein nachhaltiges Quartier aus. Und so f\u00f6rdert der Gesetzgeber aktiv eine folgenreiche Zersiedelung. Und genau deshalb muss all das zentraler und vernetzter geplant werden, wir brauchen einen konkreten und ganzheitlichen &#8220;Masterplan Lebensraum 2050&#8221; &#8211; ohne den bleibt der n\u00f6tige Wandel nur eine Ansammlung loser&nbsp;Ideen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ja auch mit der Mobilit\u00e4t zusammenh\u00e4ngt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Richtig. Die Mobilit\u00e4tswende wird nur produktseitig interpretiert, aber nicht r\u00e4umlich. Zum Beispiel mit dem diskutierten Verbot von Verbrennungsmotoren. Dabei ist die E-Infrastruktur noch v\u00f6llig unzureichend ausgebaut. F\u00fcr die Menschen muss es darum gehen, von A nach B zu kommen, schnell, bezahlbar, \u00f6kologisch und sicher. Dazu sind keine Verbote oder Verzicht, sondern ein Erm\u00f6glichen n\u00f6tig. Mehr \u00d6PNV und die Stadt der kurzen Wege, also nutzungsgemischte kompakte St\u00e4dte: Das w\u00e4re in diesem Sinn ein Angebot. Auf dem Land sind viele Menschen und kleine Betriebe auf ihr Auto angewiesen, ein digital vernetztes Mobilit\u00e4tsangebot k\u00f6nnte helfen, setzt aber voraus, dass wir fl\u00e4chendeckend digitalisiert sind &#8211; das sind wir aber nicht &#8211; und dass alle digitalaffin sind &#8211; das sind nicht alle. Es gibt nicht &#8220;die&#8221; eine einfache L\u00f6sung, die f\u00fcr alle Menschen gut funktioniert. Aber alle Menschen haben ein Recht auf&nbsp;Mobilit\u00e4t.ANZEIGE<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn Sie von einem Umdenken sprechen, betrifft das auch das Baurecht und die Baub\u00fcrokratie?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja. Das Baurecht erschwert es zum Beispiel, einen Gewerbebau umzunutzen. Der Abriss dagegen, \u00f6kologisch oft fragw\u00fcrdig, wird einem vergleichsweise leicht gemacht. Und absurd ist ja auch, dass noch immer Ausnahmegenehmigungen f\u00fcr das Bauen in \u00dcberschwemmungsgebieten erteilt werden. Gleichzeitig f\u00fchren Auflagen dazu, dass ein Ersatzneubau weniger Nutzfl\u00e4che generiert, wenn etwa das Baurecht wichtige Brandschutzauflagen zur Anzahl der Aufz\u00fcge und Treppenh\u00e4user definiert, aber dann nicht in der Lage ist, ein halbes Geschoss mehr zuzulassen. Wir versiegeln also neu, haben aber nicht einmal die gleiche Nutzfl\u00e4che, sondern weniger. Ein weiteres Beispiel: Wir sind nicht in der Lage, Bauakten zu digitalisieren. Stattdessen fahren mehrere Transporter zum Bauamt, um Planungsunterlagen abzugeben, die mit gro\u00dfem Aufwand gelagert&nbsp;werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Deutschland sind die Planungsprozesse kompliziert, ob es um Windkraftanlagen, Solard\u00e4cher oder Infrastruktur geht. Manchmal gleichen die Planungen Schildb\u00fcrgerstreichen. Hat Deutschland als Land der Ingenieure das Bauen verlernt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da kommen mehrere hausgemachte Probleme zusammen. Einerseits haben Bauprojekte schon immer eine sozialpolitische Komponente. Das nimmt seit Jahren dramatisch zu, auch weil das Wohnen als die soziale Frage unserer Zeit nicht ernst genug genommen wurde. Jede gro\u00dfe Bauinvestition im \u00f6ffentlichen Sektor ger\u00e4t sofort zum Politikum. Objektiv betrachtet sind andererseits unsere Regularien kompliziert, veraltet und zu zahlreich. Hier m\u00fcssen wir ran. Holland macht es vor. Hier definiert man Ziele anstatt Regulierungen und \u00fcberl\u00e4sst es den Menschen zu entscheiden, wie sie bestimmte Qualit\u00e4ten, ob Schallschutz oder Energieeffizienz, erreichen. Die Folgen: Innovation und Vielfalt der Baukultur. Auch deshalb stiegen die Wohnbaupreise in Holland seit 2007 um nur sieben Prozent, in Deutschland um fast 36 Prozent. Wir sollten die Baugesetze daher so reformieren, dass wir Qualit\u00e4ten mit weniger Aufwand erreichen. Ein Beispiel ist Frankreich: Hier werden die Gewinner von Wettbewerben anschlie\u00dfend gemeinsam, also als Team, mit der Bauaufgabe beauftragt. In Deutschland bekommen nur Architekten den Auftrag, die Ingenieure sind erst einmal drau\u00dfen und k\u00f6nnen sich um den Auftrag bewerben. Das ist absurd und behindert aktiv die integrale Zusammenarbeit, das gemeinsame Lernen und das Eintreten f\u00fcr ein&nbsp;Bauprojekt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Angenommen, die n\u00e4chste Regierung beschlie\u00dft ein Bauministerium. Was h\u00e4tte die neue Bauministerin vor allen anderen Dingen zu tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen dringend die Anpassung unserer Infrastruktur an den Klimawandel, Hand in Hand mit dem Klimaschutz. Und wir brauchen einen konkreten und ganzheitlichen &#8220;Masterplan Lebensraum 2050&#8221;, der Klima, Energie, Bezahlbarkeit, Mobilit\u00e4t, Digitalisierung, eine alternde Gesellschaft sowie den Wandel der Arbeitswelt ber\u00fccksichtigt. Und zwar in den St\u00e4dten und auf dem Land! Wir sollten unseren Kindern D\u00f6rfer und St\u00e4dte hinterlassen, in denen es keine Zweiklassengesellschaft in Sachen Wohnraum gibt, in denen sie gerne leben und arbeiten, in denen sie sicher wohnen und in denen der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck des Bauens und des Wohnens nicht auf Kosten der Umwelt geht. Konkret daf\u00fcr anpacken m\u00fcssen wir das Fl\u00e4chenmanagement, den Wohnungsbau, das Baurecht, die KfW-F\u00f6rderung, die St\u00e4dtebauf\u00f6rderung, die kommunalen Finanzen und die Digitalisierung. Um mal die Aufz\u00e4hlung zu beginnen. Es ist viel zu tun &#8211; und die Zeit&nbsp;dr\u00e4ngt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(08.08.21, S\u00fcddeutsche) , Original: hier Lamia Messari-Becker ist Bauingenieurin und Professorin f\u00fcr Geb\u00e4udetechnologie und Bauphysik an der Universit\u00e4t Siegen. Die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker fordert ein deutsches Bauministerium. Auch weil das Leben retten k\u00f6nne. Ein Gespr\u00e4ch. Interview von Gerhard Matzig Nach der Flutkatastrophe in Westdeutschland wurde Lamia Messari-Becker zu einem bekannten Gesicht der Medienlandschaft. 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