{"id":8828,"date":"2021-07-05T12:58:23","date_gmt":"2021-07-05T10:58:23","guid":{"rendered":"https:\/\/boklima.de\/?p=8828"},"modified":"2021-07-05T12:58:50","modified_gmt":"2021-07-05T10:58:50","slug":"klimapolitik-und-die-soziale-frage-die-armen-duerfen-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/work.boklima.de\/?p=8828","title":{"rendered":"Klimapolitik und die soziale Frage: Die Armen d\u00fcrfen zahlen"},"content":{"rendered":"\n<p>(05.07.21, von taz.de, Original : <a href=\"https:\/\/taz.de\/Klimapolitik-und-die-soziale-Frage\/!5779336\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> )<\/p>\n\n\n\n<p>Klimaschutz ist n\u00f6tig, aber die Unterschichten werden am st\u00e4rksten belastet. Dabei sto\u00dfen sie eher wenig CO2 aus \u2013 anders als viele Umweltbewusste.<a href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/4951711\/948\/Klimapolitik-soziale-Frage-1.jpeg\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt sie, die Gr\u00fcnenw\u00e4hler, die einen SUV fahren. Immerhin 24 Prozent der gr\u00fcnen Anh\u00e4nger k\u00f6nnen sich grunds\u00e4tzlich vorstellen, einen Allradpanzer anzuschaffen, wie j\u00fcngst eine Umfrage f\u00fcr den <em>Spiegel<\/em> ergab. Bei anderen Parteien sieht es allerdings noch deutlich d\u00fcsterer aus: Bei der Union lieb\u00e4ugeln 48 Prozent mit einem SUV, bei der FDP sind es 52 Prozent und bei der AfD sogar 54 Prozent. Doch auch f\u00fcr die gr\u00fcne Basis gilt, dass ihr Umweltbewusstsein oft eher politisch denn privat ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck wird n\u00e4mlich nicht so sehr von den eigenen Ansichten bestimmt \u2013 sondern schlicht vom Geld<\/strong>. Wer ein hohes Einkommen hat, gibt es meist auch aus. <strong>Konsum<\/strong> ist aber nicht umsonst zu haben, sondern <strong>verbraucht immer Energie und Rohstoffe<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Umweltbundesamt hat 2016 eine umfangreiche repr\u00e4sentative Studie ver\u00f6ffentlicht, um den \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck der verschiedenen Milieus zu untersuchen. Dabei kam heraus, <strong>dass die unterste Einkommensgruppe einen Gesamtenergieverbrauch von nur 10.000 Kilowattstunden pro Jahr und Kopf hatte \u2013 die Befragten mit hohem Einkommen aber mit knapp 20.000 Kilowattstunden auf fast das Doppelte kamen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gutverdiener sind zwar \u00fcberdurchschnittlich umweltbewusst und achten auf die Effizienz ihrer Ger\u00e4te \u2013 aber sie unternehmen auch viele und weite Reisen, g\u00f6nnen sich mehr als einen Computer und wohnen meist \u00fcppig. Jedenfalls zeigte sich, dass ausgerechnet jene Schichten, die die Umwelt am meisten belasten, sich am st\u00e4rksten f\u00fcr \u00f6kologische Zusammenh\u00e4nge interessieren. Oft ist den Gutverdienern und dem \u201ekritisch-kreativen\u201c Milieu gar nicht bewusst, wie hoch ihr Umweltverbrauch ist. Stattdessen sei \u201edie Auffassung weit verbreitet, sparsam mit Ressourcen umzugehen\u201c, wie das Umweltbundesamt feststellte. Die Beh\u00f6rde vermutet, dass sich die Umweltbewussten vor allem mit anderen Mitgliedern der eigenen Schicht vergleichen \u2013 und v\u00f6llig aus dem Blick verlieren, dass die \u00e4rmeren Milieus deutlich weniger konsumieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die EEG-Umlage machte beim \u00e4rmsten Zehntel 1,5 Prozent des Nettoeinkommens aus, beim reichsten nur 0,2 Prozent<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Tunnelblick hat reale Folgen: Umweltpolitik wird vor allem f\u00fcr die Gutverdiener gemacht. Sie profitieren von den \u00d6kosubventionen, w\u00e4hrend die armen Schichten daf\u00fcr zahlen d\u00fcrfen. Diese Schieflage war schon bei Rot-Gr\u00fcn festzustellen. Im Jahr 2000 wurde das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eingef\u00fchrt, um den \u00d6kostrom zu f\u00f6rdern. Die Idee war eigentlich richtig, hatte aber absurde Konsequenzen, wie ein Blitzlicht aus dem Jahr 2015 zeigt: Beim \u00e4rmsten Zehntel machte die <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/taz.de\/Streit-ueber-Benzinpreis-Erhoehung\/!5776408\/\" rel=\"noreferrer noopener\">EEG-Umlage<\/a> 1,5 Prozent ihres Nettoeinkommens aus \u2013 beim reichsten Zehntel waren es nur 0,2 Prozent. Daf\u00fcr waren es dann aber vor allem Wohlhabende, die Solaranlagen auf ihren Eigenheimen installierten \u2013 und daf\u00fcr staatliche Hilfen kassierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/taz.de\/!s=EEG-Umlage\/\" rel=\"noreferrer noopener\">EEG-Umlage<\/a> ist eine Konsumsteuer, die beim Stromverbrauch anf\u00e4llt, und wie alle Verbrauchsteuern trifft sie die \u00c4rmsten besonders hart, weil diese ihr gesamtes Einkommen aus\u00adgeben m\u00fcssen, um \u00fcber die Runden zu kommen. Wohlhabende hingegen werden von Konsumsteuern weit weniger getroffen, da sie einen gro\u00dfen Teil ihrer Eink\u00fcnfte sparen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist es richtig, dass es Geld kosten soll, klimasch\u00e4dliche Treibhausgase zu emittieren. Aber wieder trifft diese Konsumsteuer am st\u00e4rksten die Armen, die jedoch im Gegenzug nicht entlastet wurden. Stattdessen profitieren erneut die Gutverdiener, sofern sie weite Strecken zur Arbeit zur\u00fccklegen. Um die CO<sub>2<\/sub>-Steuern abzufedern, wurde n\u00e4mlich die Pendlerpauschale erh\u00f6ht: Ab dem 21. Kilometer gibt es jetzt 35 Cent, ab 2024 dann 38 Cent.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pendlerpauschale ist gleich doppelt t\u00fcckisch. Erstens: Arme pendeln kaum, wie Sozial\u00aderhebungen gezeigt haben. In den fernen Vororten wohnen vor allem die Wohlhabenden. Zweitens: Die Pendlerpauschale wird vom zu versteuernden Einkommen abgezogen, was den Effekt hat, dass die Steuerersparnis umso gr\u00f6\u00dfer ist, je h\u00f6her der eigene Steuersatz ist. Die Reichen werden also automatisch beg\u00fcnstigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Armen werden jedoch nicht nur am st\u00e4rksten durch die Umweltsteuern belastet \u2013 gleichzeitig sind sie es, die am meisten unter der Umweltverschmutzung leiden. Sie wohnen an den lauten und dreckigen Durchgangsstra\u00dfen, die auch deswegen so voll sind, weil sich Besserverdienende ins Gr\u00fcne zur\u00fcckziehen konnten und dann die Pendlerpauschale kassieren.<\/p>\n\n\n\n<p>So bitter es ist: Die deutsche Klimapolitik war bisher zutiefst ungerecht. Zumindest auf dem Papier geloben die meisten Parteien auch Besserung, wie den Wahlprogrammen zu entnehmen ist: Um die steigende CO<sub>2<\/sub>-Steuer zu kompensieren, wollen die Gr\u00fcnen das sogenannte Energiegeld einf\u00fchren, SPD und CDU zun\u00e4chst die EEG-Umlage abschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Umwelt\u00f6konomen sind sich einig, dass das Energiegeld am gerechtesten w\u00e4re. Die Einnahmen aus der CO<sub>2<\/sub>-Steuer w\u00fcrden an die B\u00fcrger zur\u00fcckverteilt \u2013 und zwar gleichm\u00e4\u00dfig pro Kopf. Da die Armen nur halb so viel Energie verbrauchen wie die Reichen, w\u00fcrden sie also mehr Geld erhalten, als sie je an Steuern gezahlt haben. Endlich einmal w\u00fcrden die <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/taz.de\/Klimaschutz-und-soziale-Gerechtigkeit\/!5783176\/\" rel=\"noreferrer noopener\">unteren Schichten<\/a> vom Klimaschutz profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nichtw\u00e4hler sind l\u00e4ngst die zweitgr\u00f6\u00dfte Partei bei Bundestagswahlen, unter anderem weil Geringverdiener weitaus seltener zur Urne gehen als die Oberschicht. Die Armen f\u00fchlen sich von der Politik verraten, und dieser Eindruck t\u00e4uscht bisher leider nicht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>(Tip von Ingo)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(05.07.21, von taz.de, Original : hier ) Klimaschutz ist n\u00f6tig, aber die Unterschichten werden am st\u00e4rksten belastet. Dabei sto\u00dfen sie eher wenig CO2 aus \u2013 anders als viele Umweltbewusste. Es gibt sie, die Gr\u00fcnenw\u00e4hler, die einen SUV fahren. 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